Das übergewichtige Kind in der Praxis

Die Zahl der mäßig bis stark übergewichtigen Kinder nimmt auch in Deutschland ständig zu, 13 % der 6-jährigen sind bereits behandlungsbedürftig übergewichtig, 70 % der mit 11 Jahren übergewichtigen Kinder bleiben es auch als Erwachsene. Übergewicht ist bereits in frühester Kindheit der Baustein für erhebliche gesundheitliche Beeinträchtigungen, die nicht nur die Lebensqualität, sondern auch die Lebensdauer beeinflussen. Wir sprachen mit der niedergelassenen Kinderärztin Birgit Augustin über Möglichkeiten der Einflussnahme auf das kindliche Übergewicht durch den Pädiater.

Wie lässt sich Adipositas von Übergewicht unterscheiden? Welche Diagnosemöglichkeiten stehen zur Verfügung?

Zur Definition kindlicher Adipositas wird, wie im Erwachsenenalter auch, der BMI (Body Mass Index) herangezogen. Er korreliert hochsignifikant mit der Menge an subkutanem Fettgewebe, der Hautfaltendicke und der Körperfettmasse und weist darüber hinaus eine sehr hohe Spezifität für Adipositas auf. Er berechnet sich aus dem Quotienten aus Körpergewicht und der Körpergröße zum Quadrat. befindet. Die Bereiche unter 90 % zählen zu dem Normalgewicht, von 90 bis 97 % zum Übergewicht und über 97 % sprechen wir von der Adipositas, Fettsucht.

Welche Ursachen hat die Adipositas?

Die Entstehung der Adipositas im Kindes- und Jugendalter ist eine multifaktorielle. Der Basisdefekt liegt wie bei Erwachsenen in dem gestörten Verhältnis zwischen Energie- bzw. Fettzufuhr und Energieverbrauch bzw. Fettoxydation. Die Energiezufuhr übersteigt den Energiever- Der BMI weist im Kindes- und Jugendalter beträchtliche altersund geschlechtsabhängige Schwankungen auf, so dass eine Beurteilung unter Berücksichtigung des Alters und des Geschlechtes notwendig ist. Dies erfolgt in Perzentilen-(Normalwert) Kurven. Diese drücken prozentual aus, in welchem Gewichtsbereich sich ein Kind brauch. Kinder essen mehr Süßigkeiten, viel Fast Food, weniger Obst, teilweise viel zu schnell und insgesamt viel zu einseitig, sie essen oft nicht mehr mit der Familie, sondern allein und zu unregelmäßigen Zeiten, völlig unkontrolliert und lassen sich massiv durch Werbung animieren, definierte Mahlzeiten gehen zunehmend verloren.

Was begünstigt die Übergewichtigkeit?

Begünstigt wird die Entstehung der Adipositas bei Kindern und Jugendlichen, neben der hyperkalorischen und fettreichen Kost, durch zunehmend ungünstigere Lebensweisen. Dazu zählt das veränderte Freizeitangebot mit massiv gestiegenem Fernsehund Computerabusus, gekoppelt an steigende körperliche Inaktivität. Das führt in Kombination mit der falschen Ernährung schon im Kindesalter zu hartnäckigem Übergewicht. Der Anteil genetisch prädisponierter Adipositasentstehungen im Kindesalter beträgt 25 bis 50 %, sekundäre Adipositasformen (genetische Syndrome oder endokrine Störungen) sind bei Kindern und Jugendlichen sehr selten.

Ab welchem Alter sollte man Adipositas behandeln?

Am besten wäre es, Übergewicht würde bei Kindern gar nicht erst entstehen. Ich versuche in meiner Praxistätigkeit bereits die Eltern übergewichtiger Säuglinge auf die Risiken der Entstehung einer manifesten Adipositas und allen daraus resultierenden Folgeerkrankungen hinzuweisen. Wegen mangelndem Problembewusstsein der Eltern ist die ses aber besonders schwierig, je jünger die Kinder sind. Die kleinen runden Wonneproppen erfüllen nicht nur das Leben der Großeltern mit Freude, auch Eltern machen sich wesentlich weniger Gedanken über Kinder, die zu viel essen und zu dick sind, als über Kinder die zu wenig essen und angeblich zu dünn sind. Von Eltern als zu dünn empfundene Kinder sind meist sogar normalgewichtig! Meist sind Eltern wirklich erst bei manifesten Problemen bereit, die Situation zu erkennen und den Arzt aufzusuchen. Im Vordergrund dieser Problematik stehen leider erst die aus der Adipositas resultierenden psychischen und ästhetischen Probleme der Kinder und Jugendlichen. Unser„Drei-Säulen-Programm“ verknüpft ganz fest die psychologische Betreuung, die Ernährungsumstellung und die Verbesserung der körperlichen Aktivität der Teilnehmer. Gefordert werden sollten Langzeitbetreuungen. Übergewichtige Kinder und Jugendliche sollten bis zum Abschluss der Pubertät in einer Langzeitbetreuung bleiben.

Auf welche Art und Weise versuchen Sie, die Thematik an die Eltern heranzubringen?

Ich spreche die Eltern bzw. ab dem Alter von ca. 9 Jahren auch gezielt die Kinder zu der bestehenden Problematik an und führe auch für Eltern von Kleinkindern Informationsabende in der Praxis zu den Themen „Gevon Kindern übergewichtig und von diesen wiederum bereits ca. 50 % adipös waren. Daraufhin erarbeitete ich zusammen mit einer Psychologin ein ambulantes Schulungsprogramm, welches ich dann auch seit 1999 in eigens dafür angemieteten Räumen erfolgreich anbot. Inzwischen ist dieses Programm so ausgereift, dass wir ca. 120 Kinder betreut haben, an einer bundesweiten Evaluierung teilnehmen und an der Veröffentlichung dieses bewährten Programms arbeiten. Ich habe damit ein gutes Instrument in der Hand, erfolgreich etwas gegen die Zunahme der kindlichen Adipositas zu tun. Leider wird diese (bei uns inzwischen qualitätsgesicherte) Initiative noch viel zu wenig von den Krankenkassen anerkannt und demzufolge auch nur viel zu schlecht honoriert.

Arbeiten Sie mit Psychologen zusammen?

Unser Programm wird sogar durch eine Psychologin geleitet. Ich bin der Meinung, dass nur sie die Möglichkeiten hat, die bestehenden Probleme der heutigen Zeit vor den Kindern „auf den Punkt“ zu bringen. Es sind weder nur die fette Ernährung noch nur der Bewegungsmangel, es ist die Verknüpfung vieler Verhaltensmuster und –normen in der heutigen Zeit!

Die Adipositas ist im Allgemeinen eine anerkannte Krankheit, gibt es Hoffnung auf Heilung?

Leider kann man noch nicht davon reden, dass die Adipositas auch im Kindesalter eine anerkannte Krankheit ist. Da bei Kindern weniger der organische Leidensdruck im Vordergrund steht, wird es von vielen Kollegen und Man sollte versuchen, der Entstehung von Übergewicht und Adipositas unbedingt schon im frühesten Kindesalter vorzubeugen bzw. frühestmöglich mit der Therapie zu beginnen. Eine Initiative meiner Praxis, Eltern und deren übergewichtigen Kindern bereits ab dem Alter von ca. 3 Jahren ein interessantes Kursangebot zum Thema Übergewicht im Kindesalter anzubieten, musste wegen mangelnder Teilnahme wieder eingestellt werden. Selbst die professionellen Schulungen, die wir ab dem vollendeten 9. Lebensjahr anbieten, werden nur von ca. 40 bis 50 % der angesprochenen Kinder und Jugendlichen wahrgenommen.

Welche Therapiestrategiengibt es?

„Gesunde Ernährung von Anfang an“ und „Übergewicht im Kindesalter – Schicksal oder Herausforderung?“ durch.

Inwieweit können Sie als Pädiater auf Lebens- und Essgewohnheiten der Kinder einwirken?

Ich habe mich vor ca. 5 Jahren der undankbaren Problematik der kindlichen Adipositas gestellt. Auslöser dafür waren mein Interesse für entstehende Adipositasprogramme bei Erwachsenen und eine statistische Beobachtung in meiner Praxis, die ich 1998 durchgeführt habe. Ich ermittelte von allen in die Praxis kommenden Kindern und Jugendlichen über 6 Jahren eine Woche lang den BMI und stellte fest, dass ca. 42 % dieser Gruppe Leider kann man noch nicht davon reden, dass die Adipositas auch im Kindesalter eine anerkannte Krankheit ist nicht zuletzt von den Krankenkassen eben noch nicht als behandlungsbedürftige Krankheit anerkannt. Solange ich von den Krankenkassen noch die Auskunft erhalte, dass diese lieber eine Kur finanzieren, als mein ambulantes Langzeitprogramm für ein übergewichtiges Kind zu bezuschussen, solange besteht „nicht wirklich“ Hoffnung für die betroffenen Kinder und Jugendlichen! Je eher die Gesellschaft das Problem der kindlichen Adipositas erkennt und auch ernst nimmt, je eher die Kinderärzte sih das Problem kindliche Adipositas annehmen und je eher wir die Mittel in die Hand bekommen, betroffene Kinder auch „Langzeit“ zu betreuen, um so größer sind die Chancen, das Fortbestehen im Erwachsenenalter zu vermeiden und die Entstehung der adipositasassoziierten Folgeerkrankungen zu vermeiden! Derzeit ist das fast noch nicht möglich, es sei denn, man hat eine so engagierte Psychologin wie ich an der Hand, die in mühevollsten Einzelverhandlungen und Einzelkämpfen versucht, die Krankenkassen zur Kostenübernahme zu bewegen. Die Chancen für die von uns betreuten Kinder werden immer besser, was auch die Langzeitergebnisse zeigen!

Frau Augustin, wir danken
Ihnen für das Gespräch.

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